Du hast eine Idee, z.B. „Wir entwickeln zum Verpacken von Lebensmitteln eine Folie, die man mitessen kann.“ oder „Unsere Autos fahren in Zukunft mit Wasser aus Kläranlagen.“ Oder „In unserer Klinik werden einfache Operationen von Robotern gemacht, weil wir zu wenig FachärztInnen haben.“
Gratuliere! Du stehst mit der Idee in deiner Hand am Anfang einer Reise ins Unbekannte. Dein Ziel ist grob formuliert, dein Plan entsteht gerade erst. Etwas Neues zu entwickeln ist kein lineares Standardprojekt, eher vergleichbar mit einer Expedition in eine Neue Welt.
Wenn sich jemand mit Expeditionen und der Neuen Welt auskennt, dann Christoph Kolumbus. Er kann uns helfen und zeigen, wie aus einer Idee ein Projekt wird und was man bei einer Expedition planen kann und was nicht.

Christoph Kolumbus wurde 1451 in Italien geboren und war Seefahrer und Entdecker im Auftrag der spanischen Krone. Er hatte die Idee einen neuen Weg nach Indien bzw. nach Ostasien zu finden und wollte nicht nach Osten segeln, sondern in westlicher Richtung dorthin gelangen. Zwischen ihm und seinem Ziel lagen viel Wasser, Unbekanntes und jede Menge Potenzial für Abenteuer. Wie hat Kolumbus seine Idee in die Tat umgesetzt? Stell dir vor, du bist der verwegene Seefahrer Christoph Kolumbus, stehst 1492 in engen Hosen und wallendem Umhang an der Küste von Spanien und schaust übers Meer. Du vermutest, dass hinter dem vielen Wasser eine neue Welt namens Indien liegt und du glaubst, dass du einen neuen Weg dahin finden wirst. Du vermutest und glaubst, hast aber keine eindeutigen Fakten. Was kannst du zu diesem unkonkreten Zeitpunkt konkret planen, damit dein Vorhaben gelingt? Du kannst die Startbedingungen beeinflussen. Und das ist eine ganze Menge.
Beeinflussbare Startbedingungen für Kolumbus Expedition:

1. Ziel und grober Plan
Das Ziel hieß Indien bzw. die „indischen Regionen“. Historiker gehen davon aus, dass Kolumbus Ostasien, genauer gesagt das heutige Japan angepeilt hat. Um anderen von seinem Vorhaben zu erzählen und Mitstreiter zu gewinnen, hat er die geplante Route in eine Karte gezeichnet. Er berechnete die Dauer der Reise, die Menge an Menschen, Proviant und sonstigem Reisebedarf. Die Distanz zwischen den Kanarischen Inseln bis nach Ostasien kalkulierte er mit ca. 4.500 Kilometern. Das war sein grober Plan.

2. „Königin Isabella von Spanien“
Kolumbus segelte im Namen und auf Rechnung der Königin von Spanien. Damals konntest du nur solche abenteuerlichen Expeditionen machen mit einem mächtigen und reichen Unterstützer an deine Seite. Das ist übrigens heute auch noch so. Isabella hat ihn unterstützt, weil er ihr Reichtum, Schätze, Seide, Gewürze, neue Ländereien für Spanien und einiges mehr versprochen hatte. Kolumbus hat an den europäischen Seefahrer-Höfen in Portugal, Frankreich und Spanien Werbung für seine Reise gemacht und mußte 8 Jahre warten bis er von Isabella das GO! bekam. Neue Ideen brauchen ihre Zeit.

3. Transportmittel
Kolumbus, der alte Fuchs, hat viel Wasser gesehen und sich für Segelschiffe entschieden. Losgesegelt ist er mit 3 Schiffen, die Santa Maria, Niña und Pinta hießen. Wer eine Expedition in die Antarktis plant, wählt vielleicht Schlitten, Schneemobile oder Sonderfahrzeuge. Für die Alpenüberquerung eignen sich Elefanten, Allradfahrzeuge oder ein Heißluftballon.

4. Mannschaft
Kolumbus hat sich seine Crew selbst zusammengestellt, von den Kapitänen bis zu den einfachen Matrosen. Da waren Experten an Bord, die z.B. besonders gut navigieren oder fremde Sprachen konnten, Köche, Ärzte, Handwerker etc. Und es waren verwegene Abenteurer unter ihnen, für die das Ziel gar nicht so entscheidend war, sondern das Abenteuer an sich. Ziemlich wilde Truppe.


5. Ausstattung
Große Schiffe sind materialintensiv, die Einkaufsliste ist lang: nautisches Gerät, Seile, Segel, Ersatzmaterial, Werkzeuge, Kanonen etc. Die Mannschaft benötig Essen, Wasser und Rum, Klamotten für gutes und schlechtes Wetter, Arzneimittel, Waffen und anderes Seemannszeug für eine lange, schwer voraussehbare Reise.
6. Startpunkt
Das Datum für den Start war festgelegt. Kolumbus ließ am 3. August 1492 die Anker lichten und fuhr los.
Das sind die Rahmen- und Startbedingungen für die Expedition in eine neue Welt, die Christoph Kolumbus beeinflussen und vorbereiten konnte. Für Piraten und Feinde hatten sie Kanonen und Waffen dabei, für Skorbut Zitronen. Befehlskette, Regeln und Ehrenkodex auf einem Schiff waren allen klar. Mehr konnte Kolumbus zum Start der Reise nicht planen.
Aus meiner Sicht ist das eine ganze Menge, die du vorbereiten kannst, wenn du mit deiner Idee in die Neue Welt aufbrechen willst. Organisiere dein Projekt wie Christoph Kolumbus seine Expedition. Kümmer dich intensiv um das, was du zum Projektstart selbst beeinflussen kannst. Bring dich und dein Team in eine optimale Startposition.
1. Du brauchst ein Ziel und einen groben Plan, am besten eine Zeichnung oder ein Modell. So können andere besser verstehen, wohin du willst und bekommen Lust mitzumachen und dein Projekt zu unterstützen.
2. Such dir eine Isabella, einen potenten Sponsor und Auftraggeber. Die Isabellas in den meisten Unternehmen sind aktuell noch männlich. Lass dich davon nicht irritieren.
3. Wähle passende „Transportmittel“. Für Innovations- oder Zukunftsprojekte sind das die Organisationseinheiten oder Formate, die es ermöglichen deine Idee umzusetzen, z.B. Entwicklungsabteilungen, Pilotprojekte, Start Ups, Think Tanks, Kooperationen etc. Such dir das Transportmittel aus, das am besten passt, um an dein Ziel zu kommen.
4. Nimm nur Leute mit auf die Reise, die Lust auf eine Expedition haben und die Regeln, Chancen und Risiken einer solchen Unternehmung kennen. Stelle ein vielfältiges Team zusammen, mit dem du jede Situation und überraschende Kursänderung durchziehen kannst. Such dir Verbündete und Mitstreiter, die dasselbe Ziel haben, aber andere Erfahrungen, Fähigkeiten und Talente als du selbst. Schaffe Klarheit bezüglich Zuständigkeiten, Hierarchien und Entscheidungsbefugnissen.
5. Pack alles ein, was du für die erste Wegstrecke brauchst, übe Notfallprogramme ein. Kläre die Nachschubwege während der Reise. Welche Art von Technologieunterstützung brauchst du? Wieviel finanzielle und personelle Ressourcen? Was musst du einkaufen, was kannst du evt. leihen oder mieten? Wo könntest du kooperieren, auf bereits Bestehendem aufsetzen oder Ressourcen einsparen?
6. Leg den Startpunkt fest, zieh mutig den Anker hoch und fahr los!

Learning by Lossegeln
Alles, was dann kommt, nenne ich „Learning by Lossegeln“. Was tun bei Sturm, Meuterei, Piraten oder leeren Rumfässern? Nicht alles lässt sich auf dem Weg in eine neue Welt vorausahnen. Wenn etwas Ungeplantes passiert, dann musst du mit deiner Mannschaft aktiv werden, improvisieren und das Bestmögliche aus der Situation machen. Segeln und Zukunft gestalten sind ein Prozess aus ständigem Lernen und laufenden Kurskorrekturen.
Total verrechnet und versegelt
Die meisten von uns wissen, dass Kolumbus als Entdecker von Amerika in den Geschichtsbüchern steht, auch wenn er dort gar nicht hin wollte. Er hat seinen Fuß nicht in Ostindien auf Land gesetzt, sondern auf den heutigen Bahamas. Er hatte sich bei seiner Reiseroute ziemlich übel verrechnet. Die Distanz von Spanien bzw. den kanarischen Inseln bis nach Indien hatte er mit 4.500 km kalkuliert. Die tatsächliche Distanz von Spanien bis zum japanischen Festland („Indien“) beträgt ca. 20.000 km. Schlappe 15.500 km mehr als Kolumbus dachte. Gut, dass der amerikanische Kontinent im Weg war und ihn aufhielt, sonst wäre seine Expedition wahrscheinlich wegen Wassermangel, Unterernährung, Sturm oder Meuterei auf dem offenen Ozean gescheitert. Vielleicht aber auch nicht. Es gibt auch andere Forscher und Erfinder, die nicht ihr gewünschtes Ergebnis erreichten, aber auf dem Weg dorthin andere hilfreiche Dinge entdeckt haben.

